In der Mittwochsfolge machen die Männer-Models eigentlich immer das, was die Damen am Donnerstag zuvor vorgemacht haben. In der jüngsten Mittwochsfolge von "Germany’s Next Topmodel" weichen die Herren diesmal aber vom GTNM-Protokoll ab und machen etwas bisher Einmaliges: ihren Mund auf.
So eine Folge "Germany’s next Topmodel" ist, man ahnt es nach bald 20 Jahren, jetzt nicht die ganz große Erzählkunst. Irgendeiner hat immer Heimweh, Stress mit einem Konkurrenten, nicht aufgepasst oder bei einem Casting seine Model-Mappe vergessen – die Todsünde eines Models. Im Prinzip genügt es da, den richtigen Moment abzuwarten und die Kamera drauf zu halten. Dazu noch irgendein exaltierter Fotograf, ein unnötig dusseliger Laufsteg und fertig ist die Story einer Folge.
In Folge zwölf der diesjährigen Staffel (hier im GNTM-Couchticker zum Nachlesen) lief dann eigentlich auch alles wie immer immer. Die Produktion hatte verschiedene Castings organisiert und das erste führt die Male-Models zur Zeitschrift "Esquire". Kurz vor Beginn des Castings unterrichten Kevin und der Schnitt die Zuschauer, welches der genannten Themen man sich für heute vorgenommen hat: "Ja, Model-Mappe vergessen. Dürfte mir eigentlich gar nicht passieren so als Model eigentlich", erzählt Kevin. Man kann nur spekulieren, aber vielleicht vertraute Model Moritz seinen Kollegen nicht ganz, ob sie auch ans Vergessen denken, jedenfalls hat auch er seine Model-Mappe liegengelassen.
So geht Chefredakteur ...
Doppelt hält eben besser und so betreten die Models mal mit, mal ohne Mappe die Redaktionsräume des "Esquire"-Magazins, wo sie von Chefredeakteur Dominik Schütte begrüßt werden. Der erklärt ihnen erst einmal, wo sie hier gelandet sind. "Das ist eine legendäre Magazin-Brand, die ihr gerade besucht." Absolut und woran erkennt man ein legendäres Magazin? Genau, daran, dass der Chefredakteur erklären muss, wie legendär das Magazin ist. Außerdem verrät Chefredakteur Schütte: "Wir haben die größten Anzeigenkunden der Welt." Das passt zwar zur üblichen Höher-schneller-weiter-Protzerei bei GNTM, sagt aber im Grunde genommen überhaupt nichts aus.
Trotzdem: Von allen Chefredakteuren, die
Aber wie bei den Model-Mappen-Vergessern hat die Produktion auch hier noch ein Backup. Denn nach dem "Esquire"-Casting zieht die Truppe weiter zum "Approved"-Magazin. Dort empfängt der stellvertretende Chefredakteur Oliver Rauh die Herren in einem Box-Gym, denn das Lifestyle-Magazin will für ein Klamotten-Shooting mit dem Arbeitstitel "Fightclub" irgendwas mit "Körper und Muskeln" machen. Körper bringen alle Models mit, wenn es nach Oliver Rauh geht allerdings nicht alle genügend Muskeln.
… und so nicht
Die Models stellen sich zunächst alle vor und so erzählt auch Faruk von sich und davon, wie er nach einer Phase des Übergewichts abgenommen hat und sich nun in seinem Körper wohlfühle. Das nimmt Rauh wohlwollend zur Kenntnis, ist freundlich, verteilt Komplimente an Faruk, doch als er dem Model vor allen anderen dennoch eine Absage erteilt, macht er das so: "Nutze es wirklich, um noch ein bisschen selbstbewusster zu werden …", beginnt Rau in Bezug auf Faruks Hintergrund und fährt dann mit einem Tippen auf seine eigene Bauchwölbung fort: "… auch noch ein bisschen mehr Workout zu machen."
Die weiteren Komplimente hört Faruk gar nicht mehr, denn stattdessen fragt er in die Kamera: "Was hat der jetzt gesagt? Spinnt der?" Daraufhin verlässt Faruk die Boxhalle, was natürlich nicht unbemerkt bleibt. "Du hast irgendwas gesagt, was ihn gekränkt hat", erklärt ein Kollege Rauh, doch der ist sich keiner Schuld bewusst: "Ich habe aber nichts so Schlimmes gesagt, oder?", vergewissert sich Rauh, doch der Kollege rät: "Man muss aufpassen, was man sagt." Rauhs Verwirrung ist insofern verständlich, muss die Aufpassen-was-man-sagt-Regel bei "Germany’s Next Topmodel" doch relativ neu sein. Ein paar Folgen zuvor durfte Fotograf Yu Tsai die Models jedenfalls noch schikanieren und erhielt zur Belohnung das Gekicher von Heidi Klum.
Faruk dagegen steht mit zur Faust geballtem Gesicht in der Umkleide und schimpft über den Workout-Kommentar und dessen Urheber: "Gar keinen Respekt vor anderen! Was soll das, Alter?" Und während Rauh drinnen noch die Aufträge an die Kollegen verteilt, stürmt Faruk zurück in die Boxhalle, fordert sein Foto zurück und stellt den Chefredakteur zur Rede: "Mit so einem Bierbauch zu sagen: Nimm ab? Also gar keinen Respekt!", schimpft Faruk und schließt mit einem "Du bist fake!".
Model-Kollegen halten zu Faruk – zumindest einige
Die verdutzten Gesichter aller Beteiligten kann man sehen, spüren aber vor allem die unangenehme Atmosphäre. Oliver Rauh erklärt sich danach vor der Kamera, er habe nichts davon böse gemeint. Aber wie es eben so ist: Wenn man nichts böse meint, soll man es einfach nicht böse sagen. Rauh rechtfertigt seinen Spruch mit "Generationsansichten" und als es dann noch einmal zur großen Aussprache kommt, beginnt er mit einem "Jetzt gab’s ja so ein kleines bisschen schlechte Stimmung", wird aber sofort von Faruk unterbrochen: "Nein, es gab schlechte Kommentare von Ihnen gegenüber meinem Körper und anderen Körpern. Das ist erstmal die Tatsache."
Die Entschuldigung, um die Rauh daraufhin bittet, schlägt Faruk aus und ist ganz klar in seinen Werten: "Ich würde auch niemals für einen Kunden wie Sie arbeiten wollen." Eine Absage, auch mit dem Hinweis, zu dick für das Shooting zu sein, hätte er akzeptiert, nicht aber die abfällige Handbewegung und den Rat, mehr Workout zu machen. "Wenn jedes Model seinen Mund hält, wird es Menschen wie Sie immer geben, die abfällig und respektlos sind." Es kommt wirklich nicht oft vor, dass jemand bei "Germany’s Next Topmodel" derart Haltung zeigt, und tatsächlich gibt es auch unter seinen Kollegen genügend, die eben schon den Mund gehalten hätten.
Denn obwohl sich die Gruppe erst einmal aus Solidarität entscheidet, den Auftrag nicht anzunehmen, ist das Stimmungsbild nicht einheitlich. Moritz, Kevin und Pierre entscheiden sich noch einmal um und bieten Rauh ihre Dienste an und während etwa Yannik und Samuel an Faruks Seite stehen, findet Keanu Faruks Reaktion "sehr unprofessionell und sehr unerwachsen". Aber tatsächlich ist es sehr unprofessionell und sehr unerwachsen, das Ansprechen von und Wehren gegen Bodyshaming "sehr unprofessionell und sehr unerwachsen" zu finden. Keanu ist dennoch der Meinung, Klum werde Faruk noch auf die Situation ansprechen und damit wären wir beim spannendsten Teil der ganzen Geschichte: Was sagt die Klum dazu?
GNTM 2025: Model-Mama Klum? Von wegen!
"Wir machen hier auch eine Realityshow. So was kann passieren, weil wir das echte Leben darstellen", beginnt Klum ihre aus ganzen drei Sätzen bestehende Reaktion. Und wer bei den ersten beiden Sätzen mit dem "echten Leben darstellen" noch nicht vor Lachen unter dem Tisch liegt, hört vielleicht noch Klums dritten Satz: "Und Sie, liebe Zuschauer, müssen sich Ihre Meinung dazu selbst bilden." Das klingt sehr generös, als habe Klum eine Meinung zu der Angelegenheit, wolle die Zuschauer aber nicht beeinflussen. In Wirklichkeit ist Klums Satz nur eines: feige.
Denn sobald sich Klum irgendwie positiv darstellen kann, etwa in ihrem Einsatz für Petite, Curvy- oder diverse Models, kann sie gar nicht zu schnell "mir ist ganz wichtig" sagen. Doch jetzt, da es gilt, Haltung zu zeigen, schweigt die Klum unerträglich laut. Natürlich ist Klum hier in der Zwickmühle, schließlich könnte allzu große Kritik an einem Kooperationspartner auch für sie und ihre Show negative Konsequenzen haben. Aber genau das macht Haltung eben aus. Dass man sie auch dann zeigt, wenn es ungemütlich werden kann. Von der Model-Mama, die ihre Schützlinge unter ihre Fittiche nimmt, so wie Klum es gerne behauptet, ist hier jedenfalls nichts zu sehen.
Aber vielleicht findet Klum ja im Gespräch mit Faruk noch die richtigen Worte. Nach dem Entscheidungswalk jedenfalls lässt sich Klum von dem Model noch einmal die Situation erklären. Das macht er auch und bereut lediglich, ebenfalls eine Beleidigung ausgesprochen zu haben. "Den Tipp hätte ich dir auch gegeben", zieht sich Klum auf sicheres Gelände zurück und statt Bodyshaming als das zu benennen, was es ist, prophezeit Klum, der Kunde werde nicht der Einzige sein, der im Leben "mal was Negatives" sagen wird.
Am Ende gibt Klum Faruk noch den Tipp "Immer professionell bleiben" und man kann nur hoffen, dass Klums minderjährige Fans vor den Bildschirmen klüger sind, als ihr Idol.