Es gibt ja ganz wunderbare Wörter. Poesie zum Beispiel. Oder Harnwegsinfektion. Auch Bill und Tom finden manche Wörter schön, andere hingegen gar nicht. Ein Wort, so erfahren wir es in der neuesten Folge ihres Podcasts "Kaulitz Hills", können Bill und Tom überhaupt nicht leiden. Das Wort "nein". Dieses Wort finden sie sogar ziemlich ungehörig.

Christian Vock
Eine Satire
Diese Satire stellt die Sicht von Christian Vock dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

"Ein freundliches Hei!", wirft Tom Kaulitz zum Start der neuen Folge in die Runde und sein Bruder Bill stellt sofort die einzig richtige Frage: "Warum ein freundliches Hei?" "Ich begrüße jetzt immer in der Sprache des Landes, in dem wir gerade sind. Und hier sagt man einfach 'Hei'. 'Hei' heißt so viel wie 'Hallo' auf Finnisch", antwortet Tom, übersieht dabei aber, dass das überhaupt keinen Sinn ergibt. Sinnvoller wäre es, in der Sprache zu grüßen, die der Gegrüßte auch versteht, denn offenbar versteht Bill kein Finnisch, sonst hätte er ja nicht nachgefragt.

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Aber wie so oft bei "Kaulitz Hills", ist der Sinn des Gesagten gar nicht so das Entscheidende, sondern, dass etwas gesagt wurde und so ist es auch in dieser Folge. "Was ist denn so eure größte Errungenschaft im Leben?", präsentiert Tom eine Frage, die ihm während eines Meet & Greet gestellt wurde und will darüber nun mit seinem Bruder sprechen. Familie, schönes Privatleben, Frau, Kinder seien zwar schön, aber keine wirkliche Errungenschaft, ist sich Tom mit sich selbst einig. Stattdessen lautet seine Antwort: "Dass wir keine Autorität mehr haben."

Bills Lieblingswort

Damit meint Tom, dass es niemanden mehr gebe, der ihm sage, was er wo und wie zu tun habe. "Wir hatten ja, glaube ich, immer in unserem Leben so einen Freiheitskopf und Rebellion", zieht er Bruder Bill mit hinein, der das noch mehr in sich spüre und auch noch heute. "Ich hab das ganz extrem", findet Bill sich in der Rollenbeschreibung wieder, die Tom noch ergänzt: "In dem Moment, wenn dir jemand sagt: 'Nein', denkst du sofort: 'Doch, jetzt erst recht!'" "Doch ist mein Lieblingswort!", stellt Bill erfreut fest und ich muss sagen, ich teile seine Freude. Allerdings nur seine Freude.

Denn wenn man es sich genau überlegt, scheint Bill doch nicht so freiheitsliebend zu sein, wie er denkt. Wenn nämlich jemand als Gegenreaktion darauf, dass ein anderer A fordert, ständig aus Trotz B macht, macht er trotzdem nicht das, was er will, sondern nur das, was ein anderer nicht will. Mit Selbstbestimmtheit hat das nichts zu tun, denn das Ergebnis ist ja dasselbe: Man orientiert sich in dem, was man macht, am anderen – ob es nun dessen Wunsch oder das Gegenteil dieses Wunsches ist.

Aber vielleicht ist so ja "Kaulitz Hills" entstanden. Vielleicht hat jemand ja zu Bill gesagt: "Mach doch mal einen Podcast, aber so einen richtig klugen. Einen, in dem ihr nicht einfach drauflosplappert, sondern ein bisschen überlegt und verschiedene Perspektiven einnehmt. Ach, und wenn ihr euch dabei auch nicht ständig selbst beweihräuchert, wäre das super. Was meinste, Bill?" Tja und vielleicht hat Bill ja dann gesagt: "Na hör mal! Ich lasse mir gar nichts vorschreiben! Ich mache zwar einen Podcast, aber doch nicht so, wie du ihn willst! Ich mache jetzt genau das Gegenteil!"

Wer Bill "nein" sagen darf und wer nicht

Wir wissen es nicht. Was wir wissen, ist, dass die Zwillinge Bills Rebellion weiterhin für einen Akt seines Freiheitswillens halten. Tom findet, Selbstbestimmtheit sei eine der größten Tugenden: "Ich entscheide jetzt selbst, was ich mache!" Und Bill sagt: "Wenn mir jemand sagt 'nein!', denke ich sofort: Wieso hast du mir das zu sagen? Wenn, dann sage ich 'nein!', aber du sagst ja nicht für mich 'nein!'" Da muss ich ihm recht geben. Wenn man überhaupt ein "Nein" akzeptieren sollte, dann höchstens von sich selbst!

Nehmen wir nur einmal an, Toms Frau hätte im Fernsehen, sagen wir einmal, eine Modelcastingshow und würde da ein Model weiterlassen und ein anderes nicht. Einfach so aus dem Bauch heraus, eine Begründung bräuchte Toms Frau nicht, ist ja ihre Show. Da fände ich es auch völlig angebracht, würde das Model, das von Toms Frau ein "Nein" zu hören bekommen hatte, antworten: "Wieso hast du mir das zu sagen? Wenn dann sage ich 'nein!', aber du sagst ja nicht für mich 'nein!'" Dann hätte Deutschland zwar am Ende nicht nur ein Topmodel, sondern hunderte, dafür aber lauter selbstbestimmte.

Aber auch Tom hat Beispiele mitgebracht. Etwa seinen Mathe-Lehrer, der ihn gebeten habe, im Unterricht sein Käppi abzusetzen. Ob er ein Käppi aufhabe, so Toms Meinung, habe aber doch nicht sein Mathe-Lehrer zu entscheiden. Nur seine erziehungsberechtigte Mutter, die für seinen Verhaltenskompass verantwortlich sei, könne ihm das Käppi im Unterricht verbieten, aber doch nicht der Mathe-Lehrer! Und auch hier sage ich: "Hut ab, Tom, beziehungsweise Hut auf!" Das ist die richtige Einstellung. Wo kämen wir denn da hin, wenn ein einfacher Lehrer entscheidet, ob sein Schüler ein Käppi aufhat oder nicht? Wobei …

Sind Bill und Tom etwa ungehörig?

Einerseits verstehe ich natürlich den Wunsch der beiden und ich finde wirklich, dass in der Schule nicht auf Augenhöhe agiert wird. Andererseits gibt es bei jedem Einerseits eben ein Andererseits und im Kaulitzschen Fall stelle ich mir andererseits ein paar Fragen: Was zum Beispiel, wenn die Mutter des Mathe-Lehrers ihrem Sohn beigebracht hat, dass man sich gesellschaftlich darauf geeinigt hat, in geschlossenen Räumen keine Kopfbedeckung aufzuziehen? So wie man sich geeinigt hat, sich zu begrüßen, höflich und respektvoll zu sein. So Manieren-Kram eben.

Oder was, wenn Mama Kaulitz A sagt, und Mama Mathe-Lehrer B. Tragen die das dann im Morgengrauen mit Pistolen aus? Wer dürfte dann überhaupt entscheiden, wie das geregelt wird? Vielleicht hat Oma Kaulitz ihrer Tochter ja beigebracht, dass solche Sachen mit der Pistole geregelt werden, Oma Mathe-Lehrer hat indes stets das Florett bevorzugt. Sie verstehen die Logik? Wegen meiner Mutter und meinen Manieren gehe ich zum Beispiel nicht auf Tokio-Hotel-Konzerte und randaliere dort auf der Bühne. Und, weil ich nicht auf Tokio-Hotel-Konzerte gehe. Aber das ist eine andere Geschichte.

Bill und Tom haben aber noch ein anderes Beispiel von Unverfrorenheit mitgebracht. Im Grunde geht es darum, dass die beiden für eine Show angefragt wurden und wissen wollten, wer noch an der Show teilnimmt. Was die Dame der Produktionsfirma geantwortet habe, erfahren wir nicht, wohl aber die Antwort der Kaulitz-Twins, dass es dann wohl in diesem Jahr nichts werde. "Dann ist diese Frau völlig ausgerastet, hat sich im Ton so was von vergriffen, meiner Meinung nach und hat geschrieben, wir sind ungehörig", berichtet Bill.

So am Arsch ist die Musikindustrie

"'Wo kommen wir denn da hin?', war eine andere Formulierung", erzählt Bill weiter und auch, dass es dann noch ein Schreiben der Anwältin der Produktionsfirma gegeben habe, "wie wir uns zu verhalten hätten". Die Zwillinge berichten weiter aus dem Schreiben der Anwältin, machen sich darüber lustig, behaupten, dass "diese Senderchefs und diese Managing Direktoren" ohnehin jedes Jahr wieder rausfliegen würden und ziehen das Fazit, dass dieser Fall zeige, "wie am Arsch die Musikindustrie doch ist".

Ich bin ehrlich: Ich kann in der Sache nichts zu dem Fall sagen, ich weiß nicht, ob man Bill und Tom sagen muss, wer außer Bill und Tom an der Show teilnimmt. Ich weiß auch nicht, wo wir denn da hinkommen und auch nicht wie. Ich war noch nie dort, wo man hinkommt, wenn wir da hinkommen. Und ich kann erst recht nicht sagen, wie am Arsch die Musikindustrie doch ist. Was ich aber sagen kann, ist Folgendes:

Meine Mama hat mir beigebracht, dass man Streitigkeiten untereinander klärt und nicht vor anderen, die das gar nichts angeht. Ich muss sie nochmal fragen, aber ich bin mir sicher, dass meine Mama damit auch gemeint hat, man solle das erst recht nicht in einem Podcast austragen. Vor allem nicht, weil man da ja immer nur eine Seite der Geschichte zu hören bekommt. Dieser Manieren-Kram eben.