Hannover/München - Wer den Namen John Grisham liest, glaubt normalerweise zu wissen, was ihn erwartet: Thriller um Rechtsanwälte, Intrigen und Gerichtsverfahren, Bücher wie "Die Jury" oder "Die Firma". Doch ist er auf dieses Genre keineswegs festgelegt - ganz davon lassen kann er aber auch nicht.
Denn auch in seinem neuen Roman "Die Legende" sorgt der Autor mit juristischem Gezerre und einem Prozess für Spannung. Dabei geht es im Grunde um viel mehr: um Gerechtigkeit für die letzte Nachfahrin von Sklaven auf einer unheimlichen, kleinen Insel. Um die Verbrechen an schwarzen Menschen. Der Autor hat eine spannende, manchmal mitreißende Geschichte zu erzählen, mit einer starken und würdevollen Figur im Mittelpunkt: eine alte Frau mit dem Namen Lovely Jackson.
Zurück nach Camino Island
Für "Die Legende" kehrt John Grisham zurück nach Camino Island, zur Buchhandlung Bay Books samt Buchhändler Bruce Cable. Der erzählt einer jungen Autorin von Lovely Jackson, der letzten Nachfahrin einer Gruppe geflüchteter Sklaven, die auf Dark Isle, einer nahegelegenen Insel vor der Küste Floridas, vor Jahrhunderten Zuflucht fanden. Genau diese Insel plant sich ein skrupelloser Bauunternehmer unter den Nagel zu reißen - und ein neues Kasino samt Hotels in die Wildnis bauen.
Das will die alte Frau nicht zulassen, sie schreibt ein wenig beachtetes Buch über die tragische Geschichte ihrer Vorfahren - und den Fluch einer der Verschleppten, der dafür sorgt, dass weiße Männer auf der Insel ihr Leben lassen.
Sie stellt sich dem Baukonzern in den Weg, um die Wildnis, die vom Sturm zerfetzten Überreste der alten Siedlung und den Friedhof ihrer Ahnen auf der Insel zu schützen. Dabei hat Lovely Hilfe: Neben Bruce Cable vor allem von der Autorin Mercer Mann, die ein Buch über die finstere Geschichte der Insel schreiben will, und Anwalt Steven Mahon. Schon bald gibt es die ersten Toten.
Kein Thriller im üblichen Sinne
Dennoch ist "Die Legende" kein Thriller im üblichen Sinne. Das liegt vor allem an der Vorgehensweise des Autors, mit Rückblenden oder gewissermaßen einem "Buch im Buch", nämlich Auszügen aus dem Werk Lovely Jacksons, die Geschichte der verschleppten und gequälten Menschen auf der Insel zu erzählen. Es sind geflohene Sklaven, aber auch Schiffbrüchige, die den Untergang eines Sklavenschiffs überlebt haben. Diese Erzählweise sorgt gewissermaßen für Atempausen, einen ruhigen Fortgang der Ereignisse.
Für Tempo sorgt die juristische Auseinandersetzung - oder fast schon Schlacht. Hier ist Grisham in seinem Element, mit der Juristerei kennt er sich eben aus. Ein kluger Trick, den Anwalt als eine der Hauptfiguren einzuführen; so scheint es selbstverständlich, dass der mit harten Bandagen geführte Kampf um die Insel vor Gericht endet. Dass er gleichzeitig über die Welt der Schriftstellerei und Autoren erzählt, in der er gleichermaßen zu Hause ist - fast schon ein Geniestreich. Denn zu diesen Themen hat der Autor etwas zu sagen.
Grisham, der Erzähler
Ein typischer Grisham ist der neue Roman sicher nicht - trotz der Gerichtsszenen. Aber auch in den bisherigen Camino-Island-Romanen - bislang gab es zwei - nahm der Autor sich die Freiheit, Bücher zu schreiben, die nicht nach dem üblichen Maß geschneidert sind. Der Spannung tut das keinen Abbruch, auch wenn immer wieder - bildlich gesprochen - der moralische Zeigefinger erhoben wird.
Vielleicht ist Grisham tatsächlich viel mehr als ein Thriller-Autor - nämlich ein Erzähler. Zwar verfällt er immer wieder in einen nacherzählenden, etwas trockenen und fast lapidaren Stil. Dies aber vor allem, weil er erkennbar so viel zu erzählen hat, dass er mühelos den Rahmen des Romans hätte sprengen können. Dabei lässt er seine Protagonistin Mercer, die als Dozentin an einer Universität arbeitet, ihre Studenten fast schon selbstironisch ermahnen: Ein Buch darf nicht zu lang sein. © Deutsche Presse-Agentur