Früher eine Großbaustelle, nun ein bestelltes Feld: Sebastian Hoeneß hat den VfB Stuttgart in kürzester Zeit vom Chaos zurück ins Licht geführt. Nun winkt der erste Titel seit 18 Jahren - und für den Trainer ein weiterer Meilenstein auf dessen Erfolgsweg.
Die Reisegruppe Stuttgart hat einiges erlebt in den letzten Monaten, durfte nach Mailand und Turin pilgern, in Belgrad ein Stadion von, nun ja, seltenem Charme bewundern oder in Bratislava einen eher ungewöhnlichen Groundhopper-Punkt einsammeln. Nun kommt schon bald eine neue "Reise nach all‘ der Sch…" dazu: die ins Berliner Olympiastadion. Bei Auswärtsspielen gegen die ortsansässige Hertha nicht unbedingt das begehrteste Reiseziel. In diesem Fall aber ein Sehnsuchtsort für alle VfB-Fans.
Mit dem Einzug ins DFB-Pokalfinale, dem ersten nach zwölf Jahren, ist die Chance auf etwas Silberware so groß wie seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr. Und das bei einem Klub, der vor gar nicht zu langer Zeit noch den dritten Abstieg binnen sieben Jahren vor Augen hatte und damit ein großes schwarzes Loch, aus sportlicher wie auch finanzieller Hinsicht.
Der VfB Stuttgart war im Frühjahr 2023 ein Chaos-Verein, hatte den zweiten Trainer der Saison verschlissen, davor schon seinen Sportchef vom Hof gejagt. Die Querelen hinter den Kulissen haben seit 1893 zwar Tradition, so schlimm wie in den Tagen damals waren sie aber selten. Wer genau im Tumult des sportlichen Niedergangs als Erster die Idee mit Sebastian Hoeneß hatte, ist nicht überliefert.
Dass Hoeneß‘ Wahl als neuer Cheftrainer der Lizenzspielermannschaft aber die wohl beste seit Dekaden gewesen sein dürfte, ist mittlerweile mehrfach erwiesen. Zwei Jahre ist es nun her, dass der ehemalige Jugendspieler bei "seinem" Klub wieder vorstellig wurde. Als "kleiner Steppke" sei er schon immer im Stadion gewesen, der VfB deshalb nicht bloß ein Job, sondern eine Herzensangelegenheit. Was damals noch etwas bemüht und hölzern wirkte in der Formulierung, ist heute längst mit Leben gefüllt.
Sebastian Hoeneß war und ist der perfekte Trainer für den VfB Stuttgart: sportlich, menschlich, emotional. Das Gesicht eines Klubs, der so lange auf der Suche nach sportlicher Identität und Konstanz war und diese dank Hoeneß endlich gefunden hat.
"Die Geschichte ist noch nicht zu Ende"
In der aktuellen Saison mag längst nicht (mehr) alles nach Plan laufen, die Probleme der Mannschaft und vielleicht auch des Trainerteams mit der ungewohnten Dreifachbelastung waren kaum zu übersehen. Platz elf in der Liga mit acht Punkten Rückstand auf Platz vier und gigantischen 28 Zählern zur Spitze sind der Ausweis schwieriger Monate. Der erneute Einzug ins internationale Geschäft über die Liga ist stark gefährdet.
Nach einer Saison der Superlative, nach dem Abgang gleich dreier elementar wichtiger Spieler und der Mehrfachbelastung ist das aber vielleicht auch einfach der Preis, den man für den kurzfristigen Erfolg bezahlen muss - wenn man nicht Bayern München, Bayer Leverkusen, Borussia Dortmund oder RB Leipzig heißt. Klubs mit anderen finanziellen Möglichkeiten, in deren Sphären der VfB nur schrittweise wieder versuchen kann vorzudringen.
Das ist der Plan, den sie in Stuttgart verfolgen und den ganz offenbar auch Sebastian Hoeneß bereit ist, weiter mitzugestalten. Vor ein paar Tagen hat Hoeneß seinen Vertrag beim VfB verlängert. Ohne Ausstiegsklausel, dafür aber vermutlich etwas besser bezahlt. Das sind aber die Marginalien dieser Personalie, im Kern geht es für den VfB Stuttgart darum, den bestmöglichen Trainer als zentrale Figur der sportlichen Zukunft zu behalten.
"Die Geschichte ist noch nicht zu Ende", hat Hoeneß seinen Entschluss erklärt und man darf seitdem gespannt sein darauf, wie dieses Ende wohl aussehen könnte. Nach der Vizemeisterschaft und dem Einzug in die Champions League plus nun jenem ins DFB-Pokalfinale bleibt da ja nicht mehr viel außer: Titel zu gewinnen. Was verblüffend genug ist für einen Klub, der erst seit rund zwei Jahren wieder planvoll und zielgerichtet arbeitet.
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Der Bessermacher Hoeneß
Hoeneß ist es vom ersten Tag seiner Mission an gelungen, erst einzelne Spieler, dann die gesamte Mannschaft und dann die Fans und das Umfeld für seinen Weg zu gewinnen. Unter seinem Vorgänger
Hoeneß aber erkannte nicht nur die spielerischen Potenziale, er wusste diese auch zu (re)aktivieren und sukzessive zu verbessern. Spieler wie Enzo Millot, der unter Labbadia einen festen Platz auf der Tribüne hatte, wurde unter Hoeneß zu einer Säule der Mannschaft und so begehrt, dass einige zahlungskräftige ausländische Klubs am liebsten schon im letzten Sommer zugeschlagen hätten.
Mittelstädt ist nun ebenfalls Nationalspieler wie auch Angelo Stiller, den der FC Bayern nie wollte und der in Hoffenheim für zu leicht für Bundesliga-Fußball befunden wurde. Oder Deniz Undav, den Sportchef Fabian Wohlgemuth von Brightons Ersatzbank auslieh und Hoeneß zu einem der Senkrechtstarter der letzten Saison machte. Ganz zu schweigen von Serhou Guirassy oder Torhüter Alexander Nübel.
Und wie es Hoeneß nun bei Nick Woltemade erneut zu gelingen scheint. Ein Spieler, dem bei seinem vorherigen Klub in Bremen in 51 Pflichtspielen drei Scorerpunkte gelangen (zwei Tore, ein Assist) - in Stuttgart aber bei knapp der Hälfte der Spiele schon 16 (13 Tore, drei Assists).
Rekordzahlen auch dank Hoeneß
Auf der Mitgliederversammlung neulich präsentierte Finanzchef Thomas Ignatzi eine Rekordzahl nach der anderen: Einen Gesamtertrag von fast 300 Millionen Euro, ein Eigenkapital von rund 60 Millionen Euro, einen Gewinn von 15 Millionen Euro. Das alles im Geschäftsjahr 2024 bilanziert, dem Jahr des Erfolgs.
Aus den acht Spielen der Königsklasse ging der VfB mit 65 Millionen Euro an Einnahmen raus, mit dem Einzug ins Pokalfinale kommen noch bis zu knapp elf Millionen Euro dazu. Hauptverantwortlich auch dafür: der sportliche Erfolg unter Sebastian Hoeneß.
Hoeneß dürfte auch ein wichtiger Faktor für den VfB gewesen sein, als im Sommer 2023 kurz nach der überstandenen Relegation gegen den Hamburger SV "MHP" und "Porsche" mit 100 Millionen Euro beim Klub einstiegen.
Das Gesicht des VfB Stuttgart
Hoeneß ist in sehr kurzer Zeit etwas gelungen, das in der Bundesliga äußerst selten ist: Er ist zum Gesicht seines Klubs geworden. Xabi Alonso hat das in Leverkusen geschafft, Christian Streich über zwölf Jahre in Freiburg, Frank Schmidt in Heidenheim seit 17 Jahren. Anders als der ehemalige Welt-Star Alonso oder Everybody's Darling Streich hat sich Hoeneß aber fast aus dem Nichts nach oben katapultiert.
Und auch wenn der Stuttgarter Fußball in dieser Saison etwas von seiner Leichtigkeit verloren hat und Hoeneß gerne einen etwas pragmatischeren Ansatz wählt: Begehrt war der Trainer bei anderen Klubs weiterhin allemal, vermutlich sogar die heißeste Aktie am deutschen Markt. Mit einer fast schon stoischen Gelassen-, aber auch Bestimmtheit wehrte Hoeneß alle Fragen nach seiner Zukunft ab und damit auch die Verlockungen der zahlungskräftigen Konkurrenz.
Und kann sich nun wieder den wirklich wichtigen Themen widmen: der Aufholjagd in der Liga im Kampf um einen europäischen Startplatz und natürlich dem Pokalfinale Ende Mai in Berlin. Das für diesen Hoeneß der zweiten Generation das wichtigste Spiel seiner bisherigen Karriere sein dürfte, dieser eine letzte Schritt ist gemeinhin ja der schwerste.
Andere Aufgaben, irgendwann auch bei anderen Klubs, können noch warten. Sebastian Hoeneß ist schließlich erst 42 Jahre alt. In Trainerdimensionen gerechnet ist das gerade erst der Anfang.
Verwendete Quellen
- Zeitungsverlag Waiblingen: Hoeneß zu seiner Verlängerung beim VfB: "Die Geschichte ist noch nicht zu Ende"