Berlin - Wenn Michael van Gerwen über die deutsche Darts-Elite spricht, gerät er genüsslich ins Feixen. Der niederländische Star schätzt die riesigen Hallen, die euphorische Stimmung und das verkleidete Publikum beim Nachbarn aus "Duitsland". Für die Akteure um den nationalen Primus Martin Schindler hat er dagegen deutlich weniger Bewunderung übrig. "Die Deutschen sind besser darin, Darts zu schauen als Darts zu spielen", spottete van Gerwen beim Premier-League-Gastspiel in Berlin.
Was sich in der gewaltigen Halle am Ostbahnhof am Abend abspielte, war eine Art Sinnbild für die vergangenen Jahre. Die Deutschen tranken Bier, die Deutschen feierten und sangen, die Deutschen kamen verkleidet und gingen beseelt. Was die Deutschen allerdings nicht taten: Pfeile werfen.
Stattdessen betreten in dem lukrativen Wettbewerb sechs Engländer um Weltmeister Luke Littler und Tagessieger Stephen Bunting, ein Waliser und eben van
Clemens befeuerte den Boom nur kurz
Weniger Probleme hatte der 35-Jährige mit ein paar verbalen Spitzen in Richtung des Gastgebers. "Für ein so großes Land performt Deutschland definitiv unter seinen Möglichkeiten. Wie ist es möglich, dass die Niederlande so viel bessere Spieler hat?", fragte Van Gerwen zum Vergleich seines Heimatlandes (etwa 18 Millionen Einwohner) mit dem deutlich bevölkerungsreicheren Nachbarn. Dabei wächst die Begeisterung für den Darts-Sport in Deutschland stetig.

Zuschauer- und Quoten-Rekorde werden erzielt, der Hype vor allem bei der WM rund um die Weihnachtszeit und den Jahreswechsel ist riesig. Kurzzeitig wurde der Boom durch den WM-Halbfinaleinzug 2023 von
In der Premier League nur Zaungast
Dass Deutschland in der Millionenliga Premier League mit Ausnahme eines bislang einmaligen Gastauftritts von Max Hopp 2019 weiter Zaungast bleibt, ist so nur eine logische Folge. "Du kannst keinen deutschen Spieler in die Premier League packen, solange sie keine großen Turniere gewinnen", sagte der Weltranglistenerste Luke Humphries, der wie sein Rivale Littler von der britischen Insel stammt.
Während der 18 Jahre junge Littler kometenhaft von null auf hundert schoss und bereits Weltmeister ist, gleicht die Form der deutschen Top-Spieler um Schindler und Clemens eher einer Achterbahnfahrt - mal geht es aufwärts, mal geht es abwärts. Eine klare Tendenz ist nicht auszumachen - und die seit vielen Jahren von Fans und Öffentlichkeit herbeigesehnten Erfolge auch nicht.
Van Gerwens Schelte: "Überhaupt keine Eier"
Wenn Humphries sagt, es werde in den nächsten fünf Jahren einen guten deutschen Spieler geben, klingt das eher nach Parolen, die man so schon seit fünf Jahren - eher länger - hört. Zwar gibt es in der zweiten Reihe in Ricardo Pietreczko (30) und vor allem Niko Springer (24) hoffnungsvolle Talente. Dass einer von ihnen wirklich den Durchbruch schafft, ist aber alles andere als gewiss.
Für van Gerwen ist die verbale Attacke gegen deutsche Spieler zu einer Art Lieblingsbeschäftigung geworden. "Mighty Mike", wie der dreimalige Weltmeister mit der markanten Glatze genannt wird, bemängelt nicht nur die sportlichen Erfolge, sondern auch das oft wenig spektakuläre Auftreten. Tatsächlich scheint beim Darts das Entertainment oft genauso wichtig wie der Sport. In beiden Kategorien gehören die Deutschen nicht zur Weltspitze.
Immer wieder bleiben große Erfolge aus, werden komfortable Führungen verspielt. Musterbeispiel war die WM-Partie zwischen Humphries und Pietreczko, bei der der Deutsche nach 3:1-Führung noch mit 3:4 gegen den späteren Titelträger verlor. Van Gerwen ließ diese Steilvorlage natürlich nicht liegen. "Wie ist sein Name nochmal? Pietreczko? Er hatte überhaupt keine Eier", sagte der Niederländer. © Deutsche Presse-Agentur