Maya Scheel ist Maurerin – ein Beruf, in dem Frauen nach wie vor selten sind. Sie kennt die Schwierigkeiten und Vorurteile gegenüber Frauen auf der Baustelle. Warum sie sich davon nicht abschrecken lässt und was sich ändern muss, damit mehr Frauen ins Handwerk gehen, erzählt sie im Interview.
Schwere Zementsäcke schleppen, Mauern hochziehen, auf Gerüsten balancieren – das klingt für viele nach einem typischen Männerjob. Doch Maya Scheel beweist, dass Handwerk längst nicht mehr nur Männersache ist. Als Maurerin arbeitet sie auf Baustellen, auf denen sie sich ihren Platz als Frau erkämpft hat.
Im Handwerk sind Frauen noch immer stark unterrepräsentiert: Laut dem Statistischen Bundesamt waren im Jahr 2023 nur 10,2 Prozent der Erwerbstätigen in Handwerksberufen weiblich. Welche Hürden es für Frauen im Handwerk gibt und warum sich Maya dennoch bewusst für diesen Weg entschieden hat, erzählt sie im Interview mit unserer Redaktion.
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Sie spricht auch über Vorurteile, Herausforderungen und ihre Leidenschaft für ihren Beruf – und möchte damit andere junge Frauen ermutigen, ihren eigenen Weg zu gehen.
Maya, was denkst du, wieso gibt es noch immer so wenig Frauen in deinem Beruf?
Maya Scheel: Vermutlich, weil die Arbeit auf der Baustelle für Frauen oft einen schlechten Ruf hat: körperlich anstrengend, männerdominiert, jedem Wetter ausgesetzt. Das muss man erst mal aushalten. Oft sind aber auch die Männer noch nicht so offen dafür, dass Frauen auf der Baustelle arbeiten. Das schreckt sicher viele Frauen ab, sie trauen sich nicht.
"Ich habe viele Absagen kassiert, weil ich eine Frau war – zum Beispiel mit der Begründung, sie hätten keine Umkleide für mich."
Wie hast du den Weg in die Branche gefunden?
Für mich war schon früh klar, dass ich ins Handwerk will – mein Vater war Maurer, das hat mich geprägt. Der Einstieg war aber schwierig. Handwerkliche Berufe sind nun mal von Männern dominiert. Ich habe viele Absagen kassiert, weil ich eine Frau war – zum Beispiel mit der Begründung, sie hätten keine Umkleide für mich und müssten sonst alles umbauen. Das war frustrierend.
Ich habe eine Ausbildung in der Vermessungstechnik begonnen, der Büroalltag war aber nichts für mich. Ich saß drin vor dem Computer, habe die Bauarbeiter draußen gesehen und wusste: Ich wollte auch da raus, anpacken und den Fortschritt auf der Baustelle direkt miterleben. Also habe ich meine Ausbildung abgebrochen und ein paar Monate als Bauhelferin auf der Baustelle gearbeitet, bis ich im September 2021 meine Ausbildung als Maurerin anfangen konnte. Auf einmal hatte ich wieder Motivation, zur Arbeit zu gehen – den Wechsel habe ich keine Sekunde bereut.
In deinem Ausbildungsbetrieb war es in dem Fall kein Problem, dass du eine Frau bist?
Nein, zum Glück nicht. Sie waren sehr unkompliziert und haben sich total über mein Interesse gefreut. Die Geschäftsführerin meinte, sie würde auf keinen Fall erwarten, dass ich mich mit den Männern in einem Container umziehe – was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Ist es aber leider nicht. Ich habe deshalb meine eigene Toilette auf Baustellen, in der ich mich auch umziehen kann. Als ich mich beworben hatte, wusste ich außerdem, dass dort schon eine andere Maurerin arbeitet. Das hat mir vor allem zu Beginn viel Sicherheit gegeben. Denn ich hatte eh schon Respekt und Angst davor, wie die Männer mit mir umgehen würden.
Welche weiteren Bedenken hattest du, bevor du die Ausbildung gestartet hast?
Vor allem hatte ich Bedenken wegen meiner Kraft. Außerdem dachte ich, ich müsste mich als Frau mehr beweisen als die Männer. Ich setzte mich selbst unter extremen Druck. Das war aber eigentlich nicht nötig, weil mich alle im Betrieb so lieb und freundlich aufgenommen haben.
Hattest du auch später noch das Gefühl, dich als Frau mehr beweisen zu müssen?
Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, die meisten meinen das gar nicht böse, aber als Frau wirst du erst mal über einen Kamm geschoren: Du seist zu schwach und packst das doch eh nicht. Das ist mir vor allem in der Berufsschule passiert. Dort war ich das einzige Mädchen. Gerade im pubertären Alter wollten wohl viele Jungs einen auf großen Macker machen. Ich habe aber immer klar und deutlich gezeigt, wo meine Grenzen sind, wo ich Spaß verstehe und wo nicht. Dann hat sich das schnell gelegt.
"Ich wollte nie, dass es heißt, ich werde bevorzugt – eigentlich ein verkehrtes Denken, weil es in der Branche ja eher andersherum ist."
Aber auch bei der Arbeit hatte ich das Gefühl, mich mehr beweisen zu müssen – einfach, weil ich eine Frau bin. Ich weiß, sie meinten es nur gut, wenn sie mich schwere Dinge nicht heben lassen wollten, aber mich hat es genervt. Dass mich manche für schwach hielten, spornte mich aber nur noch mehr an: Wenn die Männer etwas getragen haben, habe ich aus Prinzip versucht, das Doppelte zu tragen, da ich immer das Gefühl hatte, mich beweisen zu müssen. Ich wollte nie, dass es heißt, ich werde bevorzugt – eigentlich ein verkehrtes Denken, weil es in der Branche ja eher andersherum ist. Mit der Zeit habe ich aber gelernt, dass es okay ist, nach Hilfe zu fragen. Auch den Männern ist mal etwas zu schwer. Wir arbeiten alle zusammen und helfen uns gegenseitig.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei dir aus?
Das ist immer unterschiedlich – und genau das, was ich an meinem Job so liebe. Wir fahren mit dem Auto zur Baustelle, ziehen uns dort um – ich auf der Toilette, die Männer in ihrem Container – und besprechen den Tagesplan. Dann wird das Werkzeug geholt und gearbeitet. Am liebsten mache ich das Mauern selbst. Aber es gibt eigentlich keine Aufgabe, die ich nicht mag. Gefühlt habe ich nie einen schlechten Tag, wenn ich auf der Baustelle bin. Hauptsache: Etwas arbeiten und anpacken.
Ihr arbeitet bei nahezu jedem Wetter. Das macht dir nichts aus?
Nicht wirklich. Man gewöhnt sich daran. Winter ist trotzdem nicht meine Lieblingsjahreszeit, weil die Finger und Füße schnell kalt werden. Heizsocken sind da meine liebsten Begleiter.
Wie reagieren Menschen typischerweise, wenn du ihnen von deinem Beruf erzählst?
Für mein Umfeld war es keine große Überraschung. Meine Eltern haben sich besonders gefreut und mich unterstützt. Andere Leute reagieren oft ungläubig und überrascht und sagen etwas wie "Echt, Maurerin? So siehst du gar nicht aus." Als müsste man als Frau speziell aussehen, um im Handwerk zu arbeiten. Grundsätzlich sind die meisten aber eher beeindruckt. Sie zeigen Respekt und meinen, sie könnten das nicht. Negative Reaktionen bekomme ich sehr selten.
"Es gibt viel dummes und sexistisches Gelaber auf Baustellen. [...] Aber ich zeige klar, wo meine Grenzen sind."
Gibt es auch Vorurteile und negative Kommentare, mit denen du bei der Arbeit konfrontiert bist?
In meinem Betrieb und Umfeld zum Glück nicht. Von anderen habe ich aber einiges mitbekommen. Es gibt viel dummes und sexistisches Gelaber auf Baustellen, wie etwa: "Frauen lenken die Männer ab" oder "Für eine Frau gar nicht schlecht". Auch von Kommentaren wie "Lächle doch mal, dann arbeitest du gleich besser" oder "So findest du keinen Mann, Männer wollen gebraucht werden" habe ich schon gehört. In meinem Betrieb würde so etwas aber nicht toleriert werden. Es ist wichtig, für sich einzustehen. Auch ich lasse mir einiges gefallen, aber ich zeige klar, wo meine Grenzen sind.
Hat dich der Job charakterlich verändert?
Ja, auf jeden Fall. Früher war ich total schüchtern und zurückhaltend. Durch die Ausbildung war ich gezwungen, für mich und meine eigene Meinung einzustehen. Dadurch wurde ich viel selbstbewusster.
Wieso gehören Frauen deiner Meinung nach auf jeden Fall ins Handwerk und auf die Baustelle?
Allein deshalb, weil Frauen das Betriebsklima und die Stimmung auf der Baustelle aufwerten und verbessern. Das empfinde zumindest ich so. Sie verändern dieses "alte Denken", das viele Männer oft noch haben. Der Umgangston verändert sich positiv, wenn Frauen im Team sind. Auch Berufsschullehrer meinten schon zu mir, sie heißen es gut, wenn Frauen in ihren Klassen sind. Die Klassengemeinschaft wäre dann besser und die Jungs würden sich zivilisierter verhalten. Wer Bedenken wegen der körperlichen Arbeit auf der Baustelle hat, kann sich natürlich auch einen anderen handwerklichen Beruf aussuchen und dort durchstarten. Ich würde es jedem empfehlen.
Was müsste sich deiner Ansicht nach verändern, damit mehr Frauen in deinem Beruf arbeiten?

Männer in der Branche müssten für das Thema sensibilisiert werden. Der harte Ton auf Baustellen und die schlechte Behandlung von Auszubildenden in vielen Betrieben sollten sich ändern. Betriebe könnten gezielt mehr Frauen ansprechen und sich für sie einsetzen. Das beginnt schon bei Kleinigkeiten wie der Kleidung: Betriebe wollen oft Frauen einstellen, aber dann gibt es nicht mal passende Arbeitskleidung für sie. Sie müssen Männerklamotten tragen, die ihnen nicht passen. Da fühlt man sich doch nicht gleichgestellt. Es wäre ein Einfaches, auch Frauenklamotten zu bestellen.
Außerdem sollte es noch mehr Aktionen und Veranstaltungen geben, um Frauen das Handwerk nahezubringen und sie dafür zu begeistern. Der Girls'Day ist da schon ein richtig guter Anfang. So etwas sollte es meiner Meinung nach noch öfter geben. Ich finde, in den letzten Jahren hat sich da schon viel getan. Aber es ist auf jeden Fall noch viel Luft nach oben.
Über den Girls'Day
- Der "Girls'Day" ist ein Aktionstag, der Mädchen die Möglichkeit gibt, Berufe in Bereichen kennenzulernen, in denen Frauen noch unterrepräsentiert sind – wie etwa in der Technik, IT, in Naturwissenschaften und im Handwerk. Unternehmen, Hochschulen und Institutionen öffnen ihre Türen, um Einblicke und praktische Erfahrungen zu ermöglichen. Der diesjährige Girls'Day findet am 3. April 2025 statt.
- Das Gegenstück dazu ist der Boys'Day: An diesem können Jungs etwa Berufe in sozialen, erzieherischen oder pflegerischen Bereichen kennenlernen, um neue Perspektiven für ihre Zukunft zu entdecken. Auch er findet in diesem Jahr am 3. April statt.
Du bist selbst auch in den sozialen Medien aktiv und teilst Beiträge über deine Arbeit auf der Baustelle. Was ist deine Motivation dahinter?
Mein Ziel ist es, Frauen zu zeigen, wie schön das Handwerk und mein Beruf sein können. Ich liebe das Handwerk und kenne viele, die gern mal einen Tag lang auf die Baustelle mitgehen oder mal große Baumaschinen fahren wollen, sich das aber leider Gottes immer noch nicht zutrauen, weil zuerst diese Hemmschwelle überwunden werden muss. Ich möchte anderen Frauen zeigen, dass ihre Angst vor der Baustelle unbegründet ist – genauso wie ihre Hemmung davor, einen Beruf im Handwerk zu machen. Deshalb engagiere ich mich auch bei der bayerischen Jugendkampagne "Macher gesucht!".
Über "Macher gesucht!"
- Die Kampagne "Macher gesucht!" informiert junge Menschen über Ausbildungsmöglichkeiten im Handwerk. Sie bietet Einblicke in verschiedene Berufe, zeigt Karrierechancen auf und ermöglicht praktische Erfahrungen. Ziel ist es, mehr Jugendliche für eine handwerkliche Ausbildung zu begeistern und den Fachkräftenachwuchs zu sichern.
Wo siehst du dich in der Zukunft – bleibst du auf der Baustelle oder hast du andere Pläne?
Im Handwerk bleibe ich auf jeden Fall. Ich möchte noch mehr Arbeitserfahrung auf der Baustelle sammeln und mich dann gern noch weiterbilden. Danach schaue ich, was die Zukunft bringt. Ich möchte irgendwann Kinder haben, da wird es vermutlich ein bisschen komplizierter, auf der Baustelle zu arbeiten. Auch weil der Körper das irgendwann vielleicht doch nicht mehr mitmacht. Aber dem Handwerk möchte ich so oder so treu bleiben.
Man merkt, dass du sehr für deinen Beruf brennst.
Das tue ich. Die Ausbildung zu machen, war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe. Im Büro wäre ich auf lange Zeit nicht glücklich geworden. Ich gehe wirklich jeden Tag gern zur Arbeit, liebe die Abwechslung und das Arbeiten im Freien.
Was würdest du einem Mädchen oder einer jungen Frau raten, die mit dem Gedanken spielt, eine handwerkliche Ausbildung zu beginnen?
Es ist wichtig, sich den richtigen Betrieb auszusuchen. Der muss einfach passen. Auch ein Wechsel ist kein Problem, wenn man unzufrieden ist oder schlecht behandelt wird. Außerdem finde ich es sinnvoll, zuerst ein Praktikum in dem Beruf zu machen, um zu schauen, ob es einem wirklich gefällt. Wenn es das tut, dann muss man nur die Hemmung überwinden. Ich weiß, dass das am Anfang schwer ist, aber es lohnt sich. Aber vor allem würde ich ihr raten: Mach es! Ich für meinen Teil habe es keine Sekunde bereut.
Über die Gesprächspartnerin
- Maya Scheel ist 22, kommt aus Unterfranken und hat von 2021 bis 2024 eine Ausbildung als Maurerin gemacht. Inzwischen arbeitet sie als Maurergesellin und ist zusätzlich in den sozialen Medien (Instagram: scheel.maya) aktiv, um junge Frauen von der Arbeit im Handwerk zu überzeugen.
Verwendete Quellen
- Statistisches Bundesamt: Erwerbsbeteiligung von Frauen nach Berufen
- Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz: "Macher gesucht!" #volldeinDing
- instagram.de: Maya Scheel