Die Trump-Regierung bombardiert die Huthi-Rebellen im Jemen und droht dem Iran mit drastischen Konsequenzen. Diese aggressive US-Strategie soll die geschwächte "Achse des Widerstands" brechen, Iran, Hamas, Huthi und Hisbollah sind angeschlagen. Kommt so dauerhaft Frieden in die Region? Eine Expertin warnt vor Eskalation und einem neuen Nahostkrieg.
Die Öffentlichkeit reagiert teils belustigt, teils bestürzt auf die Signal-Panne der Trump-Regierung: Führende US-Beamte besprachen im Gruppenchat vor einem Journalisten Luftangriffe im Jemen. Die deutsche Politologin Hanna Pfeifer gehört zu den Bestürzten. "Es offenbart große Sachdistanz, so mit heiklen Informationen umzugehen, die die Sicherheit vieler Menschen betreffen", sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion.
Dennoch bietet die Posse einen seltenen Einblick in einen brisanten Dauerkonflikt im Nahen Osten, der sich gerade wieder erhitzt. Vor allem, weil US-Präsident Donald Trump die Huthi-Rebellen im Jemen wieder massiv bombardieren lässt, ihnen mit "Auslöschung" droht und hinter jedem ihrer Angriffe den Iran wittert, der dafür die Verantwortung tragen müsse. Droht ein neuer Nahostkrieg?
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Die "Achse des Widerstands": Nicht nur der Iran
Der Iran weist die Vorwürfe zurück, betont, die Huthi handelten unabhängig. Das sehen wenige so. "Trump verfolgt eine eskalierende Politik gegenüber dem Iran und der ‚Achse des Widerstands‘", warnt Pfeifer und erklärt den Begriff: "Die Achse des Widerstands ist ein regionales Bündnis von Staaten und nicht-staatlichen Akteuren, das sich in Reaktion auf Amerikas ‚Global War on Terror‘ formierte."
Zur Achse werden die Hisbollah im Libanon, die Huthi im Jemen und die Hamas im Gaza-Streifen gerechnet sowie lange Zeit Syrien unter Machthaber Assad. Als Strippenzieher gilt dabei der Iran. "Die Huthi haben ihre eigene Agenda, sind nicht einfach nur Marionetten des Iran", erklärt Pfeifer. Doch sie erhalten Technologie-Teile aus Teheran, die sie zu Drohnen und Raketen zusammenbauen.
Damit beschießen die Huthi Schiffe im Roten Meer, auch US-Marine und Israel. Der Welthandel umfährt die Route bereits. Als Grund nennen die Huthi die Solidarität zur Hamas. Als Propaganda nutzt es, um ihre Gewaltherrschaft im Bürgerkriegsland zu legitimieren, auch vor der Bevölkerung. Seit Mitte März bombardieren die USA verstärkt Ziele im Jemen, wie sie im Gruppenchat kundtun.
Trumps Strategie im Jemen: Aggression oder Kalkül?
"Die USA bombardieren seit dem ,Global War on Terror‘ immer wieder den Jemen", sagt Pfeifer, vor allem unter Präsident Barack Obama habe es viele Drohnenangriffe gegeben, mit zivilen Todesopfern. Nachdem die Drohnenangriffe unter Joe Biden zurückgegangen sind, setzt Trump auf Eskalation. Dass der Chat den Schutz von Zivilpersonen nicht erwähnt, lässt Pfeifer für sie "nichts Gutes erahnen".
Die Konfliktforscherin sagt sogar: "Die USA verspielen in großen Teilen der Bevölkerung in dieser Region jeden Kredit." Doch könnte man diese Geschichte nicht auch andersherum erzählen? Nutzt Trumps Jemen-Kalkül womöglich eine historisch günstige Gelegenheit zur Konfliktlösung? Die Achse des Widerstands ist geschwächt, Syrien mit dem Fall des Assad-Regimes ausgeschieden.
Der Iran muss Angriffe der USA und Israels fürchten
Die Hisbollah und Hamas sind durch Attacken Israels getroffen, der Iran steht unter großem Druck. Trump will zur Not mit Bomben einen neuen Atomdeal erzwingen. Das Mullah-Regime reagiert mit Gegendrohungen, aber auch indirekter Gesprächsbereitschaft. "Ich sehe beim Iran den Versuch der Eindämmung der Eskalation", sagt Pfeifer, "aber die erratische Politik Trumps birgt große Risiken."
Sie hält ein Szenario von Angriffen der USA und Israels auf den Iran für plausibel – und bedrohlich. Was, wenn iranische Nuklearanlagen getroffen wären? Wie würden China und Russland reagieren? Das Kriegspotenzial ist groß. "Wenn man den Iran nun in die Ecke treibt, wird er auch reagieren." Auch dort geht es um Glaubwürdigkeit. Aktuell beobachtet die Expertin großes Misstrauen auf allen Seiten.
Ist Trumps Taktik hilfreich oder schadet sie?
Daran Schuld sind auch Trumps Rhetorik, das Gehabe der Stärke, das Erpressen zu Verhandlungen. "Es mag kurzzeitig so aussehen, als habe man die stärkere Hand, da ist viel Effekthascherei dabei", analysiert Pfeifer. "Trumps Regierung ist gut darin, kurzfristige Erfolge spektakulär darzustellen." Insofern nützt die Chat-Aufregung. Doch fehlt es an Strategie und Gespür für langfristige Folgen.
Die Huthi im Jemen haben sich jedenfalls jahrelang als widerstandsfähig erwiesen bei Luftschlägen. "Die Forschung zeigt, dass rein militärische Antworten nicht zur Beendigung solcher Konflikte führen", warnt Pfeifer. Solange die Ursachen nicht beseitigt sind, drohen stets neue Eskalationen. "Man müsste mehrere Konflikte gleichzeitig bearbeiten, als Erstes die Gewalt in Gaza beenden."
Hoffnung auf Frieden
So schwierig das klingt, sieht die Expertin für Ordnungsbildung in Konfliktregionen auch Chancen. "Die momentane Phase der Schwäche der Achse des Widerstands bietet ein Gelegenheitsfenster für Konflikttransformation und Verhandlungen", sagt sie. Gewalt und Eskalation sind nicht die einzigen Mittel in solchen Situationen. Es gab Annäherungen der regionalen Rivalen Iran und Saudi-Arabien.
Daran ließe sich anknüpfen. "Doch unter dieser US-Regierung wirkt das aussichtslos", ahnt Pfeifer.
Über die Gesprächspartnerin
- Dr. Hanna Pfeifer ist Leiterin des Forschungsbereichs Gesellschaftlicher Frieden und Innere Sicherheit am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) an der Universität Hamburg. Ihre Forschung konzentriert sich auf die Dynamiken von Ordnung und Gewalt im Nahen Osten, insbesondere in Bezug auf islamistische und jihadistische Akteure.