Seit der Inhaftierung des türkischen Oppositionspolitikers Ekrem Imamoglu kommt es zu großen Protesten in der Türkei. Wie geht es der deutschtürkischen Community in Deutschland damit?

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"Meiner Meinung nach ist das alles in Ordnung", sagt Ali, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte, mit Blick auf die Inhaftierung des beliebten Oppositionspolitikers Ekrem Imamoglu in der Türkei. "Wenn etwas Ähnliches hier passiert, reagiert die Polizei genauso wie in der Türkei, sogar schlimmer." So gesehen müsse Imamoglu "natürlich vor Gericht", sagt der 55-Jährige Besitzer einer Baufirma.

Ali steht an einer Bäckerei an - nicht in der Türkei, sondern in Berlin-Kreuzberg. Er ist einer der rund 200.000 Menschen mit türkischen Wurzeln in der deutschen Hauptstadt. Unter den insgesamt rund drei Millionen in Deutschland lebenden Türken und türkischstämmigen Deutschen sind bekanntermaßen viele, die den autokratisch herrschenden türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und dessen islamisch-konservative Partei AKP unterstützen.

Was ist in der Türkei los?

Dass die Regierung Erdogan am 19. März den mittlerweile abgesetzten Istanbuler Bürgermeister und aussichtsreichsten Rivalen Imamoglus festnehmen ließ, hat in der Türkei die größten Demonstrationen seit den Gezi-Protesten im Jahr 2013 ausgelöst. Seither gingen hunderttausende Menschen in türkischen Städten auf die Straße.

Ungeachtet des brutalen Vorgehens der Polizei und hunderter Festnahmen will die größte Oppositionspartei CHP, der auch Imamoglu angehört, die Proteste nach dem Ramadan fortsetzen und regelmäßig mittwochs und samstags zu Kundgebungen abhalten.

Er kenne die Türkei von vor 20 Jahren, sagt Ali weiter. Wenn er das Land damals mit der Türkei von heute vergleiche, "dann sage ich, das ist richtig, was Erdogan bis jetzt gemacht hat".

Auch der 59-jährige Yusuf, der in der Pflege arbeitet, ist mit Erdogan "ganz zufrieden". Er habe die Vorgänger des aktuellen Präsidenten erlebt und "weiß, was Erdogan für seine Bevölkerung getan hat". Imamoglu sei "jemand, der geklaut hat, der dafür eine Strafe kriegt", sagt Yusuf mit Blick auf gegen Imamoglu erhobene Korruptionsvorwürfe. Bei der türkischen Präsidentschaftswahl 2023 stimmten 67 Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland für Erdogan - weitaus mehr als in der Türkei.

Erdogan hat in Deutschland viele Unterstützer

"Erdogan hat in der türkischen Community in Deutschland tatsächlich viele Unterstützer", sagt Ziya Akcetin, Leiter der CHP-Vertretung in Berlin. "Diese Landsleute von mir leben hier in einer demokratischen Gesellschaft. Sie spüren den Druck, das dunkle Klima dort gar nicht und leiden nicht unter der wirtschaftlichen Situation in der Türkei", sagt er.

Akcetin selbst verurteilt Imamoglus Verhaftung scharf. "Was da gerade in der Türkei passiert, ist undenkbar. Der Hauptkonkurrent von Erdogan, der in allen Umfragen mit zehn Prozent und mehr vor ihm geführt hat, wird von diesem verhaftet." Erdogan wolle die Opposition komplett abschaffen, und dagegen "müssen wir uns wehren".

Um ihre Solidarität mit den Protestierenden in der Türkei zu zeigen, gingen nach der Festnahme Imamoglus auch in Berlin hunderte Menschen auf die Straße. "Wir sind Imamoglu" stand auf ihren Plakaten.

Studentin: "Letzte Chance, die Demokratie zu verteidigen"

Die Regierung Erdogans habe die "falsche Richtung" eingeschlagen, sagt der 75-jährige ehemalige Handwerker Muharrem Dogan, der an den Protesten in Berlin teilnahm. "Wir wollen wieder Demokratie, Rechtsstaat, Ordnung. Wir kämpfen gegen den Machtapparat."

Auch die Archäologiestudentin Sebnem Turhan sagt, sie wolle die Demokratie in der Türkei verteidigen. Die 27-Jährige kam vor drei Jahren nach Deutschland, weil sie sich in der Türkei als junge Frau nicht mehr sicher gefühlt hat. "Der Wirtschaft geht es schlecht, wir sind generell unzufrieden", sagt sie. "Ich habe das Gefühl, es ist unsere letzte Chance, die Demokratie zu verteidigen." (AFP/bearbeitet von tas)