Bei einem schweren Angriff Russlands auf die Ukraine sollen 18 Menschen gestorben sein – unter ihnen auch Kinder. Selenskyj sieht keinen Friedenswillen bei Putin.
Nach einem schweren Raketenangriff auf die ukrainische Großstadt Krywyj Rih mit vielen Toten und Verletzten hat Kiew dem russischen Militär die Kriegführung gegen Zivilisten vorgeworfen. Allein in den vergangenen 24 Stunden habe das russische Militär Angriffe auf die Städte Krywyj Rih und Charkiw sowie ein Kraftwerk in Cherson lanciert – trotz einer Abmachung zum Schutz von Energieanlagen, sagte
In der südostukrainischen Industriestadt Krywyj Rih wurden durch einen russischen Raketenschlag am Freitag nach Behördenangaben 18 Menschen getötet. Die Rakete sei in einem Wohngebiet bei einem Kinderspielplatz eingeschlagen. Unter den Opfern seien auch neun Kinder, schrieb Gebietsgouverneur Serhij Lyssak auf Telegram. Mehr als 60 Menschen wurden seinen Angaben zufolge verletzt. Ein zweiter Angriff nur wenige Stunden später hatte demnach ein weiteres Todesopfer zur Folge.
Selenskyj: Russland will keine Feuerpause
Getroffen worden sei eine gewöhnliche Stadt, der Schlag sei gegen eine belebte Straße und Wohnhäuser geführt worden, hatte Selenskyj schon in einer ersten Reaktion bei Telegram beklagt. "Es gibt nur einen Grund, warum das weitergeht: Russland will keine Feuerpause, und wir sehen das." Der ukrainische Staatschef forderte, den Druck auf Moskau zu erhöhen: Amerika, Europa und der Rest der Welt hätten genügend Möglichkeiten, um Russland zu zwingen, Terror und Krieg einzustellen.
Autos und Garagen seien in Brand geraten und rund zwei Dutzend mehrstöckige Wohnhäuser beschädigt worden, erklärte derweil Lyssak. Die Heimatstadt von Präsident Selenskyj liegt gut 70 Kilometer von der Frontlinie entfernt.
Russland spricht von Hochpräzisionsschlag
Das russische Militär bestätigte später den Schlag gegen Krywyj Rih. Moskau sprach hierbei allerdings von einem "Hochpräzisionsschlag". Getroffen worden sei ein Restaurant, in dem sich ukrainische Kommandeure mit ihren westlichen Instrukteuren getroffen hätten. "Durch den Schlag lagen die Verluste des Gegners bei 85 Soldaten und Offizieren ausländischer Staaten", heißt es in der Pressemitteilung. Zudem seien rund 20 Militärfahrzeuge zerstört worden.
Zu zivilen Opfern machte Moskau keine Angaben. Auf von ukrainischer Seite veröffentlichten Bildern von dem Ort des Angriffs waren keine Hinweise auf militärische Ziele zu sehen. Der ukrainische Generalstab sprach in einer Mitteilung auf Telegram von einer Lüge. "Wir erklären, dass Russland wieder einmal falsche Informationen verbreitet. Die Rakete schlug in einem Wohngebiet und auf einem Spielplatz ein", hieß es. Es habe sich um eine ballistische Rakete vom Typ "Iskander-M" mit Streumunition gehandelt, die ein größeres Gebiet und möglichst viele Menschen treffen sollte.
Kiew nennt russischen Beschuss von Kraftwerken gezielt
Krywyj Rih reiht sich dabei nach den Worten Selenskyjs nur in die Serie jüngster russischer Angriffe auf zivile Objekte ein. In Charkiw seien so nach russischen Drohnenangriffen aus der Nacht zuvor mit fünf Toten und 34 Verletzten immer noch die Bergungsarbeiten im Gange. Auch der Treffer mit einer per Kamera gesteuerten Drohne in einem Kraftwerk könne kein Zufall sein - "die Russen wissen, dass es sich um eine Energieanlage handelt und diese Anlagen gemäß den Versprechen Russlands gegenüber der amerikanischen Seite vor jeglichen Angriffen geschützt werden müssen", warf er Russland vor.
US-Präsident
Derweil berichtete in der Nacht zu Samstag der Gouverneur der russischen Region Samara, Wjatscheslaw Fedorischtschew, von einem ukrainischen Drohnenangriff auf einen Industriebetrieb in der Stadt Tschapajewsk. Es gebe Brände, aber keine Verletzten. In der Stadt befindet sich eine Sprengstoff-Produktionsanlage.
Kiew hofft weiter auf Truppenkontingente
In seiner Videobotschaft ging Selenskyj aber auch auf ein Treffen ukrainischer Militärs mit Vertretern Frankreichs und Großbritanniens ein. Dabei seien Details zur Stationierung von deren Sicherheitskontingenten besprochen worden. Es gebe spürbare Fortschritte auf dem Weg zu Sicherheitsgarantien für die Ukraine, lobte der Präsident. Paris und London führen eine "Koalition der Willigen" an, die einen möglichen Frieden in der Ukraine absichern will.
Russland lehnt die Stationierung europäischer Truppen in dem von ihm angegriffenen Land als Bedrohung der eigenen Sicherheit strikt ab. In Washington hatte dabei der Kreml-Sondergesandte Kirill Dmitrijew erstmals überhaupt das Sicherheitsbedürfnis der Ukraine akzeptiert. "Manche Sicherheitsgarantien in irgendeiner Form könnten akzeptabel sein", sagte er in einem Interview nach den Verhandlungen mit US-Vertretern. Näher ging er nicht auf das Thema ein. Er lobte allerdings die Gespräche mit den US-Vertretern.
Rubio: Müssen bald echte Fortschritte vom Kreml sehen
Die Einschätzung von US-Außenminister Marco Rubio klang weniger euphorisch: "Wir werden schon bald wissen, in wenigen Wochen, nicht in Monaten, ob es Russland mit dem Frieden Ernst meint oder nicht. Ich hoffe, dass sie es tun. Es wäre gut für die Welt", sagte Rubio vor seiner Abreise aus Brüssel, wo ein Treffen von Außenministerinnen und Außenministern der Nato stattgefunden hatte.
US-Präsident Trump werde nicht in die Falle einer Reihe endloser Verhandlungen tappen. Wenn Moskau Frieden wolle, wäre das großartig. Wenn nicht, müssten die USA neu bewerten, "wo wir stehen und wie wir vorgehen." Es sei klar, dass Washington bald echte Fortschritte sehen müsse, "oder wir müssen zu dem Schluss kommen, dass sie nicht am Frieden interessiert sind". (dpa/bearbeitet von the)