Die Ärztin Prof. Dr. Marion Kiechle und Journalistin Julie Gorkow klären in ihrem Buch "All About Men" über Männergesundheit auf. Im Interview verrät Kiechle, wie Männer ihre Lebenserwartung erhöhen können und was der Auslöser für Haarausfall ist.

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Braucht es ein Buch über Männergesundheit? Für die Ärztin Prof. Dr. Marion Kiechle und Journalistin Julie Gorkow ist die Antwort: Ja, braucht es. Zusammen haben sie das Buch "All About Men" (GU Verlag) geschrieben, um mehr Bewusstsein für das Thema zu schaffen und über Vorurteile aufzuklären. Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news erklärt Prof. Dr. Marion Kiechle, wie Männer ihre Lebenserwartung erhöhen können, was der Auslöser für Haarausfall ist und warum sie das "schwache Geschlecht" sind.

Wie Sie in Ihrem Buch erwähnen, ist das Risiko, dass Männer an Prostatakrebs erkranken, sehr hoch. Das Thema medizinische Vorsorge ist bei Männern nicht so präsent wie bei Frauen. Was könnten Gründe dafür sein, dass Männer seltener zur Vorsorge gehen?

Prof. Dr. Marion Kiechle: Männer sind sehr gut im Verdrängen von gesundheitlichen Problemen. Es passt einfach nicht in ihr Selbstbild, krank zu werden. Sie setzen es mit Schwäche gleich und nehmen daher Vorsorgeuntersuchungen seltener wahr als Frauen.

Sie bewerben Ihr Buch explizit mit dem Punkt, dass Männer das "schwache Geschlecht" sind hinsichtlich der Lebenserwartung. Wie hoch ist die Lebenserwartung von Männern heutzutage? Wie hoch ist im Vergleich dazu die Lebenserwartung von Frauen?

Kiechle: Aktuell können in Deutschland Männer durchschnittlich damit rechnen, 78 Jahre alt zu werden, bei Frauen sind es 83 Jahre. In anderen Ländern, wie beispielsweise der Schweiz, Japan, Australien und auch Schweden werden die Männer mit durchschnittlich 80 bis 82 Jahren noch älter. Dennoch: Auch in diesen Ländern schneiden die Frauen mit 85 bis 87 Jahren deutlich besser ab. Demnach leben Frauen fünf Jahre länger als Männer. Allerdings hat das starke Geschlecht in Sachen Lebenserwartung aufgeholt - in den 90er Jahren lag der Unterschied nämlich noch bei sieben bis acht Jahren. Dies liegt vor allem daran, dass sie ihren Lebensstil geändert haben.

Was können Männer an ihrem Lebensstil und ihrer Ernährung ändern, um ihre Lebenserwartung zu erhöhen?

Kiechle: Eine gesunde Ernährung besteht leider nicht nur aus Wurst, Fleisch und Pommes. Pflanzliche Proteine, Gemüse, Früchte und gesunde Fette fehlen meist gänzlichen auf seinem Speiseplan. Es ist wirklich auffällig, dass Männer im Restaurant das Sorbet "ohne Deko" - heißt ohne Früchte - oder das Rindercarpaccio ohne "Dschungel" - gemeint ist Rucola - bestellen. Hinzu kommt, dass er durchschnittlich mehr Alkohol trinkt und auch nach wie vor häufiger raucht.

In Sachen Lebensstil und geschlechtsspezifisches Überleben sind die Ergebnisse einer deutsch-österreichischen Klosterstudie äußerst interessant. Denn Mönche pflegen einen komplett anderen und viel gesünderen Lebensstil als Männer außerhalb von Klostermauern. Sie haben weniger Stress, schlafen besser und regelmäßig, bewegen sich täglich, trinken weniger Alkohol. Das wirkt sich auch auf die Lebenserwartung aus: Mönche leben viereinhalb Jahre länger als der Durchschnittsmann. Dies zeigt sehr deutlich, welchen großen Einfluss der Lebensstil auf ein langes Leben hat - und den kann man(n) ja weitgehend selbst bestimmen.

Prof. Dr. Marion Kiechle und Julie Gorkow haben mit "All About Men" ein Buch über ...
Prof. Dr. Marion Kiechle und Julie Gorkow haben mit "All About Men" ein Buch über Männergesundheit geschrieben. © GU Verlag

Ein Problem, das besonders häufig Männer heimsucht, ist Haarausfall. Was sind Auslöser dafür, dass der Haarausfall bei Männern immer früher eintritt?

Kiechle: Wissenschaftler aus Toronto haben bei knapp 4.500 Männern herausgefunden, dass Rauchen die Entstehung einer Glatze fördert. Im Vergleich zu Männern, die nie geraucht hatten, zeigte sich bei ehemaligen und aktuellen Rauchern eine um 82 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, ihr Haupthaar zu verlieren. Und je mehr Zigaretten pro Tag geraucht wurden, desto eher ist erwartungsgemäß mit der Platte zu rechnen. Starke Raucher, die mehr als zehn Zigaretten täglich konsumierten, hatten eine um 96 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit für Haarverlust als Gleichaltrige, die weniger stark geraucht haben.

Stichwort Andropause: Welche Parallelen gibt es hinsichtlich der Auswirkungen auf den männlichen Körper und Psyche und der Menopause bei Frauen?

Kiechle: Männer können ebenfalls eine Art Wechseljahre erfahren. Diese verlaufen jedoch schleichender und enden nicht so abrupt wie bei der Frau. Insbesondere kann er ab der Lebensmitte unter Schlafstörungen, Gewichtszunahme, Antriebslosigkeit, sexueller Lustlosigkeit, erektiler Dysfunktion und Leistungsabfall leiden. Ursache hierfür kann tatsächlich ein über das normale Maß hinausgehender Testosteronabfall sein. Die Hormonabnahme ist sehr individuell und hängt vor allem von Vorerkrankungen und seiner Lebensweise ab. Is(s)t und lebt ein Mann gesund, so kann er als 80-Jähriger noch Testosteronwerte eines 30-Jährigen haben. Der Testosteronspiegel kann bei gesunden Männern über das Alter hinweg nämlich nahezu konstant bleiben und anders als bei der Frau, kann er es beeinflussen.

In Zeiten von Social Media definieren sich immer mehr Männer durch einen trainierten Körper. Der Druck auf Männer und Jugendliche steigt, dem Körperkult nachzujagen. Ab wann stellt die Körperbildstörung eine reale Gefahr für Männer dar?

Kiechle: Eigentlich sind Bewegung und Sport gesund, aber wie mit allem macht die Dosis das Gift, auch in Sachen Männergesundheit. Inaktive Männer mit hohem Fernsehkonsum, die ansonsten gesund sind, haben deutlich reduzierte Spermienkonzentrationen. Werden, insbesondere übergewichtige Männer, körperlich aktiv und treiben dreimal pro Woche für etwa eine Stunde Sport, dann läuft's auch wieder mit der Spermienproduktion. Spermienkonzentration, -motilität und -morphologie sowie der Testosteronwert verbessern sich.

Übertriebener Sport, also mehrere Stunden täglich, hilft dagegen nicht, sondern bremst die Spermienproduktion. Übermäßiges Training führt zu oxidativem Stress und einer verringerten Funktion der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse, die Steuerzentrale im Gehirn, die normalerweise die Hoden zur Spermienproduktion anregt. Testosteronmangel, Libidoverlust und Unfruchtbarkeit können die Folgen sein.

Welches Stigma müsste hinsichtlich der "Männergesundheit" für Sie noch aufgeklärt werden?

Kiechle: Männer haben im Vergleich zu Frauen ein anderes Immunsystem. Generell kommt er mit Infektionskrankheiten nicht so gut zurecht wie sie. Aus der jüngsten Vergangenheit sind Corona-Infektionen hier ein gutes Beispiel. Männer haben bei COVID öfter einen schwereren Verlauf als Frauen, mussten daher auch häufiger auf einer Intensivstation behandelt werden und sind auch häufiger an Corona verstorben. Auch das gern verlachte Phänomen "Männerschnupfen" hat hier seinen Ursprung. Grippale Infekte und Erkältungen erwischen Männer mit mehr Wucht, denn ihre Immunabwehr ist gegenüber Viren, Bakterien und Pilzen nicht so effizient wie die weibliche. Dies mag auch ein Grund dafür sein, dass Männer doppelt so häufig an Fuß- und Nagelpilz leiden wie Frauen. (ada/spot)  © spot on news